Wenn Grenzen administrativ kleiner werden, sind unsere Organisationen dann bereit für internationale Talente?

Von Janine Koska ·

Fachkräftemangel ist im Jahr 2027 längst kein neues Thema.

Unternehmen suchen nach Talenten. Branchen kämpfen um spezialisierte Fachkräfte. Und gleichzeitig gibt es Menschen, deren Qualifikationen vorhanden sind, aber deren Weg in einen neuen Arbeitsmarkt an Formularen, Anerkennungsverfahren oder schwer vergleichbaren Abschlüssen hängen bleibt.

Doch genau damit soll jetzt Schluss sein.

Die Europäische Kommission hat am 15. September 2026 das Fair Labour Mobility Package vorgestellt. Ziel ist es, grenzüberschreitende Arbeit innerhalb Europas administrativ einfacher zu machen, unter anderem durch digital verfügbare Qualifikationen, schnellere Anerkennungsverfahren und besser überprüfbare Sozialversicherungsnachweise. 

Was zunächst nach Verwaltung klingt, könnte für HR ein viel größerer Hebel sein. 

Was soll sich konkret ändern?

Ein zentraler Baustein ist die sogenannte Skills Portability Initiative.

Qualifikationen sollen künftig in einem einheitlicheren digitalen Format vorliegen und über die EU Digital Identity Wallet abrufbar sein. Ein europäisches Vergleichstool soll den Arbeitgebern ermöglichen, Abschlüsse aus anderen EU-Staaten leichter einzuordnen und zu überprüfen. 

Auch bei reglementierten Berufen soll sich einiges verändern.

Für Berufe wie Ärzt:innen, Pflegekräfte, Ingenieur:innen oder Lehrer:innen schlägt die Kommission ein verpflichtendes digitales Anerkennungsverfahren vor. Die Bearbeitungszeit soll dabei nach dem Vorschlag von derzeit bis zu drei Monaten auf maximal fünf Wochen sinken. 

Neu ist außerdem der Umgang mit Qualifikationen, die außerhalb der EU erworben wurden.

Es soll erstmals gemeinsame europäische Standards für Anerkennungsverfahren geben. Die Kommission nennt aktuell eine durchschnittliche Verfahrensdauer von rund 14 Monaten und stellt mit den vorgeschlagenen Regeln eine Reduzierung auf etwa vier Monate in Aussicht. 

Hinzu kommt der geplante European Social Security Pass, kurz ESSPASS. Damit sollen unter anderem A1-Bescheinigungen und die Europäische Krankenversicherungskarte digital verfügbar und grenzüberschreitend überprüfbar werden. 

Noch ist all das zwar Zukunftsmusik, da die Vorschläge erst vom Europäischen Parlament und vom Rat angenommen werden müssen. Erste Maßnahmen sollen zwar schrittweise eingeführt werden, was jedoch nicht bedeutet, dass Visa- oder Einwanderungsregeln dadurch automatisch vereinheitlicht werden: Die Mitgliedstaaten behalten die Kontrolle darüber, wer in ihr Hoheitsgebiet einreisen darf. 

Aber was passiert, wenn die Bürokratie tatsächlich kleiner wird?

Genau hier wird es für HR spannend.

Denn vielleicht verschwindet das Problem nicht.

Vielleicht verschiebt es sich nur.

Wenn Qualifikationen schneller anerkannt werden können, Abschlüsse transparenter werden und administrative Prozesse weniger Zeit kosten, wird internationale Rekrutierung grundsätzlich zugänglicher.

Dann lautet die Frage irgendwann weniger:

„Können wir diese Person überhaupt einstellen?“

Und stärker:

„Sind wir als Organisation darauf vorbereitet, dass sie zu uns kommt?“

Denn eine anerkannte Qualifikation ist noch kein gelungenes Onboarding. Ein unterschriebener Arbeitsvertrag schafft noch keine Zugehörigkeit. Und internationale Rekrutierung endet nicht am ersten Arbeitstag.

Recruiting wird internationaler. Aber wird die Organisation es auch?

Das beginnt schon bei der Candidate Experience.

Wie verständlich ist unser Bewerbungsprozess für Menschen, die unser Arbeitsmarkt- und Ausbildungssystem nicht kennen?

Wie bewerten wir Kompetenzen, wenn Karrierewege anders aussehen als die, die wir gewohnt sind?

Wie stark orientieren wir uns noch an bekannten Hochschulen, deutschen Berufsbezeichnungen oder linearen Lebensläufen, statt tatsächlich auf Fähigkeiten zu schauen?

Gerade hier könnte eine bessere Vergleichbarkeit von Qualifikationen interessant werden. Denn wenn Abschlüsse leichter einzuordnen sind, wird eine andere Frage umso wichtiger:

Wie gut sind Unternehmen eigentlich darin, Skills zu erkennen?

Die EU-Kommission verweist auf ein deutliches Spannungsfeld: 74 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen berichten von Skills Gaps. Gleichzeitig beschäftigen nur 14 Prozent der KMU Mitarbeitende aus einem anderen EU-Staat; bei großen Unternehmen sind es 33 Prozent. 

Das ist noch kein Beweis dafür, dass internationale Rekrutierung die Fachkräftelücke lösen wird. Aber es zeigt, welches Potenzial bislang offenbar nur begrenzt genutzt wird.

Nach dem Recruiting beginnt die eigentliche Arbeit

Denn selbst wenn Recruiting administrativ einfacher wird, bleiben viele der schwierigsten Fragen bestehen.

Wie gestalten wir ein Onboarding, das nicht nur Prozesse erklärt, sondern Orientierung gibt?

Wie führen wir Teams, in denen unterschiedliche kulturelle Prägungen, Kommunikationsstile und Erwartungen aufeinandertreffen?

Wie schaffen wir Zugehörigkeit, wenn jemand gleichzeitig eine neue Organisation, eine neue Arbeitskultur und vielleicht sogar ein neues Land verstehen muss?

Wie gehen wir mit Sprachbarrieren um?

Das sind keine administrativen Fragen.

Das sind Fragen von People & Culture, Leadership und Organisation & Change.

Und genau hier wird aus internationaler Talentgewinnung internationale Organisationsentwicklung.

Internationale Talente gewinnen ist das eine. Sie zu halten das andere.

Der vielleicht größte Denkfehler wäre, das Thema ausschließlich als Recruitingfrage zu betrachten.Denn wenn der Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt tatsächlich einfacher wird, steigt nicht nur die Möglichkeit, internationale Talente zu gewinnen. Auch Talente selbst bekommen mehr Möglichkeiten. 

Mobilität funktioniert schließlich in beide Richtungen. Wer leichter nach Deutschland kommen kann, kann möglicherweise auch leichter in ein anderes europäisches Land wechseln. Damit wird gute Bindung umso relevanter: Entwicklungsmöglichkeiten, gute Führung, Zugehörigkeit, Vertrauen und das Gefühl, mit den eigenen Fähigkeiten wirklich gesehen zu werden.

Und damit landen wir wieder bei einem Gedanken, der den HRC 2027 prägt:

Human Roots.

Weniger Bürokratie löst keine Kulturfrage

Digitale Nachweise können Prozesse beschleunigen.

Einheitlichere Verfahren können administrative Hürden reduzieren.

Vergleichbare Qualifikationen können Recruiting erleichtern.

Aber kein digitales Wallet baut Vertrauen auf.

Kein Anerkennungsverfahren schafft Zugehörigkeit.

Und kein europäischer Standard beantwortet die Frage, wie Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen gut miteinander arbeiten.

Dafür braucht es Organisationen, die bereit sind, sich selbst weiterzuentwickeln.

Führungskräfte, die mit Vielfalt umgehen können.

HR-Teams, die nicht nur Stellen besetzen, sondern Integration gestalten.

Und Kulturen, in denen Unterschiedlichkeit nicht erst dann auffällt, wenn sie zum Konflikt wird.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Chance dieser Entwicklung:

Wenn administrative Grenzen kleiner werden, werden die menschlichen und organisationalen Voraussetzungen sichtbarer.

Sind wir bereit?
Das Fair Labour Mobility Package ist noch kein geltendes Recht. Ob die Vorschläge in dieser Form beschlossen werden und wie sie anschließend umgesetzt werden, wird sich erst zeigen. Aber die Richtung eröffnet schon heute eine relevante Frage für HR:

Wenn internationale Talentgewinnung administrativ einfacher wird, sind unsere Organisationen darauf vorbereitet?

Vielleicht beginnt internationale Talentgewinnung deshalb nicht an der Grenze.

Vielleicht beginnt sie in der eigenen Organisation.

Quellen

Europäische Kommission, 15. September 2026: Commission proposes ambitious measures to strengthen fair labour mobility.

Europäische Kommission: Skills portability: Helping skills and qualifications travel across borders.